Erschienen als: Interview: Vereint bewerben bei der UNESCO, in: Journal – Hohe Schrecke, 17 (Sommer 2018), s. 6-7.

 

Die Hohe Schrecke könnte Teil eines neuen Biosphärenreservates Südharz-Kyffhäuser werden. Welche Vorteile hätte dies für die Region? Und welche Vorbehalte gibt es?  Am Rande des Hohe-Schrecke-Tages fragten wir hierzu Vereinsvorsitzende Dagmar Dittmer, Umweltministerin Anja Siegesmund und Waldbesitzer Jan-Martin Dee

 

Frau Dittmer, Sie haben als Bürgermeisterin und als Vorsitzende des Hohe-Schrecke-Vereins Unterschriften bei fast allen Bürgermeistern rund um die Hohe Schrecke gesammelt um eine Aufnahme der Region in das diskutierte Biosphärenreservat Südharz-Kyffhäuser zu erreichen. Warum?

Dagmar Dittmer:

Wir profitieren als Region sehr stark von dem Naturschutzgroßprojekt – wo Naturschutz und Regionalentwicklung zusammengedacht werden. Im Jahr 2022 läuft die Förderung  aus. Deshalb machen wir uns jetzt schon Gedanken, wie es weitergehen kann. Als im Südharz das Thema Biosphärenreservat auf die Tagesordnung kam, hörte ich das von Kollegen dort. Und  habe mich gleich gefragt, warum wir da eigentlich bisher nicht dabei sind.  Wir wollen eine Fortführung der naturschutzgerechten Regionalentwicklung. Und das geht am besten mit einem Biosphärenreservat. Dabei hoffen wir natürlich auch auf weitere finanzielle Unterstützung.

 

Denken Sie nicht, dass es Widerstand dagegen gibt? Im Südharz wird die Idee des Biosphärenreservats teilweise kritisch gesehen?

Dagmar Dittmer:

Nein warum? Unsere Situation hier ist anders als im Südharz. Dort gibt es sehr intensive Diskussionen um den Gipsabbau und die damit verbundenen Arbeitsplätze. In der Hohen Schrecke erfüllen wir schon jetzt die Anforderung an ein solches Schutzgebiet. Es gibt im Wald größere Wildnisbereiche wo die Natur sich frei entwickeln kann. Große Teile der Hohen Schrecke sind bereits Naturschutzgebiet und wir haben erste Erfolge mit der ländlichen Entwicklung. Wir können gemeinsam von dem starken touristischen Werbeeffekt eines solchen Schutzgebietstitels profitieren.

 

Herr Dee, sie sind in der Hohen Schrecke als Flächeneigentümer und Waldbesitzer unternehmerisch tätig. Wie sehen Sie die Idee des Biossphärenreservats?

Jan-Martin Dee:

Für die Region sehe ich das grundsätzlich positiv. Ich vergleiche das mit dem Fünf-Finger-Prinzip. Ich kann mit dem Zeigefinger auf die Hohe Schrecke zeigen und sagen „Das sind wir.“ Aber wenn ich wirklich was halten will, ist ein Finger zu wenig. Und wenn ich Touristen halten will, eine Region aufrechterhalten und entwickeln will – dann  brauchen wir alle Finger. Die Regionen müssen zusammengehen – und dafür ist so ein vom Land unterstütztes Biosphärenreservat sicherlich geeignet.

 

Frau Siegesmund, nicht alle Forst- und Landwirte sehen das so positiv wie Herr Dee. Gerade im Südharz wird von Seiten der Landwirtschaft gegen die Idee zu Felde gezogen.

Anja Siegesmund:

Ich habe neulich den Präsidenten des Thüringer Bauernverbandes gefragt, wie er  zu einem Biosphärenreservat steht. Und er sagte:  Wenn das ein neues Naturschutzgebiet ist, lehne ich es ab. Mir scheint, das war nur ein Reflex – denn hätte ich als Wirtschaftsministerin vor ihm gestanden und gefragt: „Wie stehst Du denn zu einer Region für nachhaltiges Wirtschaften?“ dann er sicherlich  gesagt „Na das finde ich toll.“

 

Es hat also etwas mit dem Begriff „Reservat“ zu tun?

Anja Siegesmund:

Ja vielleicht – aber das ist der internationale Titel, die große Klammer der UNESCO. Vielleicht klingt das englische Ursprungswort „reserve“  besser. Aber worum es geht ist doch: Biosphärenreservate sind Modellregion für nachhaltiges Wirtschaften. Mit wenigen Kernzonen, wo die Natur Natur sein soll. Für das diskutierte Schutzgebiet haben wir die Kernzonen alle schon, sie waren als ungenutzte Waldgebiete ohnehin vorhanden. Da  muss sich also niemand Sorgen machen. Zentrales Ziel eines Biosphärenreservats ist es, dem ländlichen Raum eine Perspektive zu geben.

 

Können Sie hier etwas konkreter werden?

Anja Siegesmund:

Wir haben vor kurzem einen Touristik-Experten ausrechnen lassen, was die regionalwirtschaftlichen Effekte sind. Professor Job von der Universität Würzburg, der so etwas schon für andere Biosphärenreservate gemacht hat, hat deutlich aufgezeigt, dass so ein Schutzgebiet Geld in die Region bringt. Es kurbelt die Wirtschaft an, es kann helfen, Wirtschaftskreisläufe zu schließen. Vor allem aber werden die Gebiete überregional viel stärker wahrgenommen.

 

Frau Dittmer –  hatten Sie im Vorfeld Ihres Schreibens auch Kontakt zu den regionalen Landwirten?

Dagmar Dittmer:

Ja – mit einigen habe ich gesprochen. Die hatten keine grundsätzlichen Bedenken und sahen eher die Chancen die so ein Titel hat – beispielsweise bei der Vermarktung von Produkten. Ich glaube, da ist sehr viel Vertrauen mit dem Naturschutzgroßprojekt entstanden.

 

Jan Martin Dee:

Ich will nochmal von einer anderen Richtung her denken. Als Unternehmer bin ich unternehmerisch tätig. Ich bin realistisch genug und habe keine Illusionen, dass ich demnächst am Markt zwei Euro mehr erziele – nur weil das Holz aus einem Biossphärenreservat kommt. Das wird nicht der Fall sein. Aber die Mitarbeiter, die ich in Zukunft brauche, wenn im ländlichen Raum Wirtschaft entstehen soll, die müssen sich in der Region wohlfühlen, die brauchen eine regionale Identität. Wenn die Leute stolz sind auf das was in der Region passiert, dann bleiben sie vor Ort und dann finde ich auch für den Wald weiter Arbeiter um den Holzeinschlag zu realisieren und muss sie nicht aus Tschechien oder von sonst wo herholen.

 

Frau Siegesmund, im Moment tagen Arbeitsgruppen und es läuft ein moderierter Prozess. Im Südharz gibt es Bedenken und Ablehnung  – wenn nun  die Hohe Schrecke dazu kommen möchte –  dann liegt doch die Frage nahe: Wäre nicht ein Biosphärenreservat ohne den Südharz denkbar?

Anja Siegesmund:

So ein Biossphärenreservat muss naturschutzfachlich begründet werden. Und aus Naturschutzsicht ist der Gipskarst im Südharz besonders wertvoll. Die Gipsregion muss wenigstens anteilig mit dabei sein. Sonst riskieren wir, dass wir keine UNESCO-Anerkennung bekommen. Und der große Benefit kommt nun einmal nur, wenn da vorne dran UNESCO steht.

 

Die Region Hohe Schrecke wäre aber in jedem Fall dabei?

Anja Siegesmund:

Das ist ein offener Diskussionsprozess. Derzeit werden in Arbeitsgruppen viele Details diskutiert – da geht es um Fragen der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, der Infrastruktur und um viele andere Dinge. Das Gesamtkonzept muss stimmen, und dann entscheidet jeder Ort für sich: Mache ich mit oder nicht? Das ist wie bei einem großen Puzzle, wo sich schrittweise ein Teil zum anderen fügt. Das machen Sie auch nicht in fünf Minuten. Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn die Hohe Schrecke am Ende mit dabei wäre. Aber die endgültige Anerkennung übernimmt die UNESCO und nicht das Thüringer Umweltministerium. Unabhängig davon begrüße ich es aber sehr, dass die Region Hohe Schrecke es sich vorstellen kann, in einem Biosphärenreservat aktiv mitzuwirken. Dieses Votum gibt sicherlich auch der Diskussion im Südharz neuen Schwung. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Dagmar Dittmer:

Und Sie können sich sicher sein, dass wir da nicht locker lassen. Wir sind von der Idee überzeugt und werden uns weiterhin dafür einsetzen.

 

Die Fragen stellte Tobias Barth

 

 

Hintergrund

 

UNESCO – Biosphärenreservate: Vorrat für schlechte Zeiten

Wenn sich Südharz, Kyffhäuser und Hohe Schrecke zu einem gemeinsamen Schutzgebiet erklären, kann dies Weltrang haben. Denn Biosphärenreservat werden von den Vereinten Nationen anerkannt – genauer von der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization). Basis ist das UNESCO-Programm „Mensch und Biosphäre“. Es sieht den Menschen selbst als Bestandteil der Biosphäre und nimmt neben den Aspekten der biologischen Vielfalt vor allem auch gesellschaftliche und ökonomische Fragen in den Blick – beispielsweise die Schaffung von Einkommen, Landflucht, Verstädterung oder den demographischer Wandel. Weltweit gibt es rund 600 solcher Modellregionen. Der Begriff Reservat gibt im Deutschen nicht ganz korrekt wieder, was gemeint ist, leitet sich die Bezeichnung doch aus dem englischen to reserve ab (Rücklage, Vorrat für schlechte Zeiten). Gemeinsam mit den dort lebenden und wirtschaftenden Anwohnern einer Region geht es um Schutz, Pflege und Entwicklung – nicht so sehr um ausschließenden Naturschutz und Abgrenzung, wie der Begriff Reservat suggeriert.

 

 

Studie zeigt: Naturschutz schafft Jobs und kurbelt Tourismus an

 

Der Naturtourismus in den Naturparken Südharz und Kyffhäuser ist bereits jetzt ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Das belegen Zahlen einer aktuellen vom Umweltministerium Thüringen in Auftrag gegebenen Studie von Professor Hubert Job  von der Universität Würzburg.  Mit Besucherzählungen sowie Befragungen und Interviews wurden erstmals Übernachtungszahlen erhoben und Aussagen zum Konsumverhalten der Gäste ermittelt. Pro Jahr bringen Besucher des Naturparks Kyffhäuser fast 27 Millionen Euro in die Region. Das sichert knapp 800 Arbeitsplätze. Im Naturpark Südharz sind es über 20 Millionen Euro und knapp 600 Arbeitsplätze.