Gerlinde Sommer, Interview: „Heimat grenzt nicht aus“, in: TLZ, Nr. 121 vom 28. Mai 2018, S. 3.

 

Erfurt. Alle sprechen über Heimat – wir auch: Nach Staatskanzleiminister Benjamin-Immanuel Hoff, der den Linken angehört, ist Ministerin Anja Siegesmund (Grüne) die zweite in dieser losen Interviewreihe. Siegesmund ist für Umwelt, Energie und Naturschutz zuständig – und damit für wichtige Aspekte dessen, was Heimat lebenswert macht und vielen Thüringern wichtig ist.

 

Frau Siegesmund, was bewegt Sie beim Begriff Heimat?

Vieles. Heimat ist alles andere als ein unschuldiger Begriff. Aus historischen Gründen, aber auch, weil das Wort politisch aufgeladen wird. Wenn der Duden festlegt, es handele sich bei Heimat lediglich um den Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist, springt das auch zu kurz. Deshalb: Heimat ist der Raum unseres Zusammenlebens und beschreibt ganz individuell Vertrautheit und Verbundenheit zu Menschen, Landschaft, kulturellen Dingen. Heimat ist etwas sehr offenes. Heimat ist das Singen der Vögel am Morgen, der Gesang in der Kirchgemeinde, die gemeinsame Wanderung, das Lagerfeuer…

 

Das klingt romantisch.

Ein bisschen nach Sehnsuchtsort, ja. Es beschreibt tatsächlich, was ich mit meiner Familie jüngst an Pfingsten erlebt habe. Heimat deute ich als etwas, was jeder für sich beschreiben darf, kann und sollte. Heimat gehört niemandem. Aber ich kann auch gut nachvollziehen, wenn manche Menschen den Begriff für zu belastet halten und ihn nicht verwenden.

 

Sie sagen, Heimat ist kein unschuldiger Begriff…

Das richtet sich gegen die AfD, die damit ausgrenzt. Der Heimatbegriff kann missbraucht werden, wenn damit vor allem gesagt werden soll, wer angeblich dazu gehört und wer nicht. Die AfD spaltet unser Gemeinwesen. Dabei ist Heimat doch genau das Gegenteil: Füreinander da sein und starker sozialer Zusammenhalt, egal wo jemand her kommt oder hin will. Heimat ist nicht der starke Staat, sondern ein starkes Gemeinwesen.

 

Zielen Sie darauf, dass die AfD häufig davon redet, es fände absehbar ein Bevölkerungsaustausch statt, die Deutschen würden zur Minderheit im eigenen Land und verlören gewissermaßen ihre Heimat?

Ja, wer mit Ängsten hantiert, hat eigentlich schon verloren – der spaltet nur. Ich sehe in diesen AfD-Bildern, die da heraufbeschworen werden, nur aggressive Stimmungsmache und keine Wertschätzung.

 

Die AfD erfindet die Ängste mancher Bürger aber nicht, sie schürt sie bloß…

Ja, eben nicht mehr nur die AfD. Aus purer Not machen das inzwischen auch andere. Ich verstehe ja, dass sich Menschen fragen: Wie entwickelt sich meine Heimat? Wie wird sie künftig aussehen? Wo ist mein Platz? Die Antwort darauf ist aber nicht, dass ein Kruzifix in einen öffentlichen Raum gehängt wird, wie das in Bayern der Fall ist, oder dass ich in Berlin ein Ministerium Heimatministerium nenne. Wichtig ist, die Menschen mit ihren Fragen ernst zu nehmen und ihre Fragen zu beantworten…

 

Das mit dem Kruzifix ist die CSU, nicht die AfD…

Angst ist kein guter Ratgeber. Noch nie gewesen. Statt mit Haltung zu reagieren, panisch zu werden, hilft keinem weiter.

 

Die CSU agiert also mit ängstlichem Blick auf die AfD?

Genau.

 

Heimat war in der DDR ein ganz wichtiger Begriff, der bereits den Pionieren nahegebracht wurde. Und mancher fühlte sich nach Ende der DDR in gewisser Weise heimatlos, weil Gewissheiten und Sicherheiten weggebrochen waren. Wie sehen Sie das?

Für eine solche Sichtweise müsste ich viel ausblenden. Zur DDR gehörten Unfreiheit und Unrecht zum Alltag. Es gab keine Pressefreiheit und keine Vielfalt der Medien. Die Spielregeln der Gesellschaft hat in der DDR nicht der Rechtsstaat gesetzt, wie sie heute selbstverständlich für jeden gelten.

 

Womöglich schwingt in der Ostalgie die Sehnsucht nach einer besseren Zeit mit, die es so gar nie gab…

Ich verstehe, wenn jemand 30 Jahre nach der DDR die Sehnsucht hat, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Da werden Bezüge zu Regionen und Vertrautem hergestellt. In der Verklärung der DDR schwingt häufig das Bedürfnis nach Anerkennung der Lebensleistung mit. Generell finde ich, dass diese Anerkennung selbstverständlich sein muss. Leider gibt es noch Ungleichheiten bei dem seit 1989/90 andauernden Aufholprozess – und es ist Aufgabe von Politik, die Angleichung weiter voranzutreiben. Wertschätzung ist dabei ganz wichtig. Aber bei allem Verständnis für eine gewisse Ostalgie sollten wir die Perspektive dabei nicht aus dem Blick verlieren.

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja, nehmen wir die Rhön, die sich über Teile Bayerns, Hessens und Thüringens erstreckt. Zu DDR-Zeiten war die Rhön also für niemanden in Gänze erlebbar. Jüngst habe ich mit meinen Kollegen aus den beiden Nachbarländern darüber gesprochen, wie wir diese Region, die Biosphärengebiet ist, gemeinsam ökologisch und im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens weiterentwickeln. Schon jetzt gibt es überregionale Wirtschaftskreisläufe – und es zeigt sich, dass der SED-Unrechtsstaat die Menschen nie ganz einander entfremden konnte. Die heimatliche Verbundenheit in der Region überstand 40 Jahre DDR – und heute fühlt man sich umso mehr einander nah.

 

Lassen Sie uns über Windkraft reden. Da gelten doch Sie und Ihresgleichen bei den Gegnern dieser riesigen Anlagen als regelrechte Heimatzerstörer, oder?

Heimat heißt nicht zwingend null Veränderung. Wenn Thüringer Kinder eine Landschaft malen, dann steht da inzwischen wie selbstverständlich auch ein Windrad. Die Frage ist: Wer bewahrt die Heimat mehr: Diejenigen in der Bundesregierung, die ganze Dörfer samt Kirchen abbaggern lassen für Braunkohle-Tagebaue – oder diejenigen, die sagen, irgendwo muss die saubere Energie herkommen, damit Umweltzerstörung aufhört und Klimaschutz beginnt?! Am Ende geht es darum, eine moderne Antwort für unsere Energieversorgung zu finden, angesichts der Tatsache, dass wir einen sehr zerbeulten Planeten haben.

 

Sie möchten also …

… unser Land schützen, entwickeln und bewahren – und dies so, dass unsere Kinder es auch morgen noch schätzen lernen können.

 

Und das geht nur mit großen Windkraftanlagen?

Besser jedenfalls als mit Atomkraft oder Braunkohle. Windenergie ist auf jeden Fall sauberer. Und auf den Zusammenhang von Klimaschutz und lebenswerter Zukunft weist aktuell auf dem Weimarer Beethovenplatz auch unser Klimapavillon hin, in dem wir zunächst bei der Landesgartenschau 2017 in Apolda Informationen angeboten haben. Dieser Pavillon stößt auf großes Interesse.

 

War es ein Fehler bei der Einführung der Windenergie, sie quasi als Heilversprechen darzubieten? Wer sich dieser Energieform kritisch näherte, galt schnell als rückständig und doof …

In der Tat ist lange zu wenig mitein­ander gesprochen worden. Deshalb sage ich auch: Heimat definiert sich über ein aktives gesellschaftliches Gemeinwesen – und gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet auch immer: viel Beteiligung, viel Mitsprache, Vorschläge machen, sich einbringen können, aber auch gehört werden. Die Haltung: „Wir wissen es besser“ hat sich überlebt. Das ist CDU. Deswegen haben wir gesagt: Nicht irgendwer entscheidet irgendwo, diese Fläche eignet sich für Windenergie, sondern wir erarbeiten ein faires Siegel Windenergie, um das Anhörungsverfahren und das Mitnehmen der Menschen vor Ort ernsthaft umsetzen zu können. Es gibt nicht nur breite Bürgerbeteiligungsmechanismen, sondern es gibt auch die finanzielle Komponente. Das heißt: Wer als Projektpartner Windenergie Träger dieses Siegels ist – das sind mehr als 40 in Thüringen –, der verpflichtet sich auch, 25 Prozent seines Ertrages in die kommunale Kasse zu spülen.

 

Warum ist das so wichtig?

Es geht darum, gemeinsam etwas anzupacken und gemeinsam etwas zu erreichen. Was passiert, wenn das nicht der Fall ist, kann man hervorragend in Juli Zehs Stück „Unterleuten“ im Deutschen Nationaltheater in Weimar anschauen.

 

Ja. Das Stück ist empfehlenswert. Neues Thema: Wie steht es um die Nutzung von Sonnenenergie im Land?

Wir werden kommenden Montag einen Online-Solarrechner veröffentlichen. Das heißt, jeder und jede kann für sein Dach berechnen können: Kann ich Energiewende auch selber machen und lohnt sich die Investition in Solarenergie für mich? Unser Programm Solar-Invest fliegt geradezu. Die Energiebewussten rennen uns die Bude ein. Jede Kilowattstunde, die wir über die Sonne einspeisen, ist eine umweltschonende Kilowattstunde Strom und Energie im Vergleich zu Kohle, Gas und Öl, den endlichen Energieträgern, die unseren zerbeulten Planeten außerdem vor große Probleme stellen. Ich sage das deshalb so bewusst, weil wir im Bereich Wind und Sonne noch große Potenziale im Land haben. Da stellt sich doch die Frage: Warum sollen wir Ölquellen- und Braunkohletagebaubesitzern Milliarden geben, statt unsere Handwerker zu unterstützen, die Wind- und Solaranlagen bauen und warten? Und es ist schlau und klug, Energie dezentral und erneuerbar zu generieren? Das ist auch der richtige Weg fürs Land, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Deshalb freue ich mich auch, dass so viele bereits mitmachen.

 

Zugehörigkeit braucht Beteiligung, sagen Sie. Die Grünen unterstützen die Bewegung „Mehr Demokratie“. Was machen Sie und Ihre Ministerkollegen konkret, damit Bürger sich mit ihren Fragen ernst genommen wissen?

Wir stellen uns den Diskussionen, hören zu und machen Angebote. Jüngst hat Bildungsminister Helmut Holter (Linke) am Kabinettstisch erklärt, dass er im Juni vier Regionalkonferenzen zu seinem Schulgesetz machen wird. Und so wie er macht jeder von uns die Ohren in den Regionen auf. Natürlich lässt sich immer sagen: Es könnte noch mehr sein. Aber klar ist auch: Wir wollen die Punkte aufnehmen, die die Menschen umtreiben.

 

Stichwort „Grünes Band“: Die einen finden es überfällig, dass hier der Schutz ganz groß geschrieben wird, die anderen – und das sind oft die Anrainer – haben Sorge um die Nutzung von Feld, Wald und Wiese. Was machen Sie da?

Das „Grüne Band“, 763 Kilometer lang, ist historisch einmalig und ein ganz wichtiger Teil unser Heimat. Hier entwickelt sich der ehemalige Todesstreifen zur Lebenslinie. Für mich eine Herzensangelegenheit diese Legislatur. Aber ich weiß, dass es ganz viele Fragen in den anliegenden Orten gibt – vom Waldbesitzer bis zum Bürgermeister. Die Menschen, die dort wohnen, wollen wissen: Was bedeutet der Schutz des „Grünen Bandes“ für uns?

 

Und Ihre Antwort?

Sie haben sehr viel davon. Ich mache deshalb nicht nur die üblichen Regionalkonferenzen, sondern ich werde mit allen, die reden wollen, dort wandern gehen und alle Gedenkstätten besuchen.

 

Wann passiert das?

Während meiner Sommertour in der letzten Juli-Woche.

 

Falls Sie nicht alle Fragen unterwegs beantworten können?

Dann kommt die Antwort im Nachgang. Da bleibt nichts offen. Der Austausch ist wichtig – das wissen wir in der Regierung. Wir sind angetreten, das Land als progressives Bündnis positiv im Sinne der Menschen zu bewegen und zwar zukunftsfest. Mir ist besonders wichtig, unsere Lebensgrundlagen zu bewahren. Und das geht nur, wenn man sich gemeinsam auf den Weg macht.

 

Zugleich wächst die Unduldsamkeit vieler Menschen. Sie stellen Fragen, die eher Anschuldigungen sind – und zeigen damit auch, dass sie gar nicht mit einer befriedigenden Antwort rechnen – schon gleich gar nicht von Politikerinnen und Politikern. Was steckt dahinter?

Ich glaube, das hat mit dem Gefühl zu tun, in dieser Welt, die sich ständig verändert, verloren zu gehen. Deshalb suchen sie auf ganz unterschiedliche Weise Orientierung. Ich finde: Die Kraft der guten Argumente zählt. Ja, es gibt die Ängste vieler vor globalen Entwicklungen, vor einer sich wandelnden Arbeitswelt oder vor sozialem Abstieg – und zugleich ist die Zeit der einfachen Antworten vorbei. Für tiefer greifende Antworten aber reicht bei manchen die Geduld nicht; diese Geduld sollte man aber haben – danach kann immer noch jeder selbst entscheiden, welche Argumente überzeugen.

 

Politiker sind doch selbst die größten Vereinfacher. Nehmen wir nur FDP-Chef Christian Lindner, mit dem die Grünen im Bund eine Jamaika-Koalition machen wollten: Der fühlt jetzt offenkundig mit denen, die ein Problem damit haben, wenn jemand, den sie als fremd wahrnehmen, mit ihnen in der Schlange beim heimischen Bäcker steht…

Jedenfalls definiert sich für mich Heimat auch nicht darüber, wer vor oder hinter mir in der Schlange beim Bäcker steht – und wie fließend sein Deutsch beim Bestellen der Brötchen ist. Auch nicht über die Hautfarbe – ob beim Bäcker oder sonstwo. Für mich definiert sich Heimat über Gemeinsamkeiten und Verbundenheit. Und natürlich über unsere Verfassung, über einen gemeinsamen Wertekanon und über Regeln, die – in unserer ganzen Verschiedenheit – für uns alle gelten.