Wir alle lieben unseren Wald, ob es nun die Buchen im Hainich oder der Hohen Schrecke oder die Fichten in den Höhenlagen des Thüringer Waldes sind. Angesichts der Klimakrise haben die Bäume Durst und zu wenig Wasser. Ihr Immunsystem ist quasi down. Damit wir unseren Wald fit machen, habe ich einen 10-Punkte-Aktionsplan vorgelegt:

1. Klimaresistenter Wald ist vielfältig. 
Eine nachhaltige Wiederaufforstung der Waldschadensflächen wird nur mit einem klimastabilen Baumartenmix (insbesondere heimische Laubbaumarten) gelingen und muss – eigentumsübergreifend – durch den Bund finanziell unterstützt werden. Artenreiche Wälder mit verschiedenen Baumarten sind die beste Vorsorge gegen Schädlingsprobleme.
2. Das Zeitalter reiner Monokulturen auf bestehenden „Anbauflächen“ (Plantagenwald) muss ein Ende haben. 
Der Waldumbau von Monokulturen (aktuell noch 57% Nadelholz beim Baumartenanteil) zu einem klimastabilen Mischwald liegt in unserem elementaren Eigeninteresse und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung und Anerkennung jahrelang vernachlässigt wurde. Öffentliche Gelder für Waldbesitzer sind künftig daran zu koppeln, ob sie dieses Ziel verfolgen. Der Umbau von Monokulturen zu klimabeständigeren Mischwäldern mit Laubbäumen ist kostenintensiv. Daher müssen ausreichend öffentliche Mittel fließen, um Waldbesitzer für die nötige Überführung in stabile Wälder, deren Entwicklung und Gestaltung zu motivieren.
3. Nutzungsfreie Wälder – unsere Urwälder von morgen – dienen primär dem Schutz und dem Erhalt der biologischen Vielfalt. 
Die Urwälder von morgen sind in Thüringen auf 5 Prozent der Landesfläche gesichert und das wird auch so bleiben! Wir haben aus den schwierigen Debatten gelernt, dass wirtschaftliche Interessen bei jedem Hektar zählen. Der finanzielle Ausfall durch eine Nichtbewirtschaftung wird auf Landesebene durch das Thüringer Umweltministerium ausgeglichen. Wir fordern einen besser ausgestatteten Wildnisfonds auf Bundesebene, damit diese Flächen bundesweit gesichert werden können.
4. Alle genutzten Wälder müssen künftig ökologisch bewirtschaftet werden.
Klimaresiliente Wälder von morgen haben eine vielfältige Struktur: mit Bäumen unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Alters und mit nur so viel Wild, dass Bäume ohne Schutzmaßnahmen vor Verbiss nachwachsen können. Die Ernte im Wald sollte so gestalten werden, dass der Boden keinen Schaden nimmt. Statt mit schwerem Gerät tiefe Furchen und festgedrückten Boden zu hinterlassen, sollen bevorzugt bodenschonende Verfahren eigesetzt werden. Auch die Festlegung des zulässigen Holzeinschlags anhand von ökologischen Kriterien ist dringend notwendig.
5. Wir erhalten und erweitern bestehende Institutionen 
und stellen bei der erforderlichen Saatguternte und -aufbereitung zusätzlich, wenn nötig, eine bedarfsgerechte Einfuhr von Saatgut sicher. Trockenjahre wie 2018 können eine gute Blüte komplett ruinieren (Beispiel Weißtanne: kaum noch Altbestände vorhanden, also nur sehr wenige Erntemöglichkeiten, die Baumart blühte 2018 sehr stark, aber die Ernte 2018 war dann extrem schlecht).  Wenn wir hier nicht alle Möglichkeiten nutzen, die erforderlichen Erntemaßnahmen zu realisieren und zusätzlich bei Engpässen Saatgut einzukaufen, nehmen wir uns Chancen zum Waldumbau. Die landeseigene Baumschule ist notwendig, um eine schnelle Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Sie zu stärken und auszubauen ist ein notwendiger Schritt! Darüber hinaus ist die wissenschaftliche Forschung an den Thüringer Hochschulen zu Klimafolgen im Wald auszubauen.
Das Forstliche Forschungs- und Kompetenzzentrum von Thüringenforst ist als langjährige Landeseinrichtung für angewandte, praxisorientierte Waldforschung mit nunmehr 30 Jahren Erfahrung zu Forschung in den Wäldern Thüringens, Versuchsflächen zu verschiedenen Baumarten, das im Haus angesiedelte Waldschutzmeldewesen, Kooperationen zu anderen Versuchsanstalten und Forschungseinrichtungen oder der Expertise zu Klimawandel und Anpassung im Wald zu stärken.
6. Die öffentliche Hand muss Vorbild sein für den Kauf von gutem Holz. 
Staatswälder sollen nach FSC- oder Naturland-Richtlinien zertifiziert werden. Jede/r Käufer/in soll wissen, ob das Holz, das er kauft, aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammt. Wir brauchen daher anspruchsvolle Standards für die Holzkennzeichnung. Die öffentliche Hand muss Vorbild sein für den Kauf von gutem Holz. Die Vorbildwirkung der öffentlichen Hand kann 2023 in Oberhof deutlich zu Tage treten. In Oberhof wird die Biathlon-WM 2023 statt finden. Dafür werden wieder erhebliche Um- und
Ausbaumaßnahmen verbunden sein, auch mit Waldverlust. Eine wirklich nachhaltige WM muss das ausgleichen, umso mehr in einer Region im Wald und zwar mit Wald und mit Holz! Hier sollte das klare Ziel gesetzt werden, alle Funktionsbauten, alles was für die WM erforderlich ist, von den Tribünen und Banden, wann immer es möglich ist, alles mit Holz, eine wirklich nachhaltige WM – Thüringen als Aushängeschild.
7. Voraussetzung für einen gesunden Wald sind ein gesunder Waldboden und ausreichend Wasser.
Mischwälder mit einem hohen Anteil an Laubholz und tief wurzelnden Nadelbaumarten können wesentlich besser und effizienter die Niederschläge und verfügbares Bodenwasser nutzen, als Fichten- oder Kiefernreinbestände, daher können sie in begrenztem Umfang auch Trockenperioden besser überstehen. Die vorhandenen Wasserspeicher müssen erhalten werden, um jeden kostbaren Tropfen Wasser zu sichern. Deshalb sollte der Einsatz schwerer Maschinen auf das Nötigste beschränkt werden und möglichst effektiv und bodenschonend erfolgen.
8. Auf Landesebene wird ein Klimafond eingerichtet, der mit 100 Millionen Euro gefüllt wird
Daraus kann der Umbau zu klimastabilen Wäldern gefördert und in Notlagen wie bei Sturmschäden oder Borkenkäferkalamitäten geholfen werden. Aus ihm sollen Hilfen bei Notlagen z. B. nach Extremwetterereignissen bereitgestellt werden. Das Land Baden-Württemberg setzt einen solchen Fonds seit vielen Jahren erfolgreich ein.
9. Revitalisierung, Erhalt und besonderer Schutz der Thüringer Hoch- und Niedermoore.
Sie sind effektive Kohlenstoffspeicher und liefern einen immensen Beitrag zum Klimaschutz. Diese Maßnahmen müssen ausgebaut und intensiviert werden. Dazu bedarf es eines weiteren Landesprogramms.
10. Ein Runder Tisch „Wald“ der Landesregierung
Wissenschaft, Vereine, Verbände, alle forstwirtschaftlichen Akteure und Institutionen sollen sich dauerhaft mit Etappen der Umstellung auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung befassen, sich dazu austauschen können und den Prozess begleiten. Stadtforste und Kommunen haben selbst eine hohe Verantwortung. Den Kommunen, die nach wie vor keine Baumschutzsatzungen haben, sei angesichts der Klimakrise dringend empfohlen, die Zukunft „ihres“ Stadtgrüns zu sichern. Bäume kühlen das Stadtklima und tragen damit in doppeltem Sinne zum Gemeinwohl bei.
Anja Siegesmund, 5. August 2019