Erschienen in: Fabian Klaus, Umwelt-Millionen für die Schäfer, Thüringer Allgemeine (02.08.2018), Nr. 178, S. 2.

 

Die Sommerpause neigt sich dem Ende. Für Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) heißt das, es geht jetzt in die wichtigste Phase der laufenden Legislaturperiode.

 

 

Sie wollen das „Grüne Band“ als Nationales Naturmonument. Wie begegnen die Menschen vor Ort diesem Plan?

 

Mit viel Offenheit und Neugier, vor allem aber Interesse. Viele Menschen wollen wissen, was sich für sie verändert, wenn das Nationale Naturmonument kommt. Und sie wollen mithelfen, die Erinnerungsorte und Naturschönheiten zu schützen. Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass am Grünen Band sehr viel Verbindendes entstanden ist.

 

 

Dennoch: Die Karte der „zweiten Enteignung“ wird von Ihrem politischen Gegner gespielt.

 

Ein Spiel mit falschen Karten. 2019 ist das Jahr, in dem sich die friedliche Revolution zum 30. Mal jährt. Freiheit wurde damals hart errungen und ist keinem in den Schoß gefallen. Wenn es ein erfahr-, erlauf- und erwanderbares Mahnmal für die ehemalige deutsch-deutsche Trennung gibt, dann ist es das Grüne Band. Darum geht es. Und nicht darum, in Eigentum von Flächeneigentümern einzugreifen …

 

 

… was Sie wie verhindern wollen?

 

Wir arbeiten zusammen. Da geht es ja vor allem um Land- und Forstwirtschaft. Und eine naturverträgliche Nutzung hilft, die besondere Landschaft des Grünen Bandes zu erhalten. Das klappt schon sehr gut. Für Landwirte oder Jäger wird sich entlang des Grünen Bandes in seiner bisherigen Flächenbewirtschaftung nichts ändern. Im Gegenteil: Durch das Nationale Naturmonument wird auf 763 Kilometern etwas entstehen, wovon alle etwas haben. Zum Beispiel durch mehr Tourismus. Wenn Thüringen das erste Bundesland ist, das dafür Sorge trägt, dass aus Geschichte etwas Erfahrbares und Erzählbares wird, dann ist das ist ein Riesending – das weit über Thüringen hinaus strahlt. Nicht umsonst trifft sich im Oktober auf der Wartburg auf meine Initiative hin die Europäische Grüne Band-Konferenz.

 

 

Die Opposition sieht das – in Form der CDU – anders.

 

Das mag für Teile der CDU gelten. Das ist aber kurzsichtig und geschichtsvergessen. Dabei wäre gerade die CDU gut beraten, das zu tun, was sie auch gemacht hätte, als das Leitbild für das Grüne Band noch zu ihren Regierungszeiten entstanden ist.

 

 

Politische Demenz bei den Christdemokraten?

 

Erstens. Aber zweitens muss auch gesagt werden: Ich habe breit eingeladen zu meiner Tour und finde, man muss über alles, was auf dem Tisch liegt, offen reden können. Es geht doch vor allem um das Miteinander-reden und Wege finden. Ich bin froh über die Landwirte und Forstmitarbeiter, die dieses Angebot angenommen haben. Das Projekt ist dafür einfach zu wichtig und hat gerade in diesen wilden politischen Zeiten, wo Verbindendes fehlt und die Zustimmung zu Europa manchmal auf der Kippe zu stehen scheint, eine viel größere, auch europäische Dimension.

 

 

Anderes Thema: Was ist nun mit dem Wolfsrudel?

 

Der Abenteurer und Grünes- Band-Botschafter Mario Goldstein, der am gesamten Grünen Band entlang gewandert ist, hat keinen Wolf gesehen. Diese 763 Kilometer sind wolfsfrei. (lacht) Scherz beiseite: Es gibt nach wie vor keinen Nachweis dafür, sondern nur eine behauptete Sichtung, die von vielen Wolfsexperten angezweifelt wird.

 

 

Wären Sie vorbereitet, gebe es ein Rudel?

 

Uns war immer klar, dass es auch mal mehr als nur die eine standorttreue Wölfin geben könnte. Wir haben das Management intensiviert, die Schäfer unterstützt und das Wolfstelefon geschaltet. Jeder, der eine Vermutung hat, kann die hier äußern. Wir gehen jedem Hinweis nach und haben auch eine enge Kooperation mit dem Bundeswolfskompetenzzentrum.

 

 

Gerade mit den Schäfern gab es zu Jahresbeginn Differenzen. Da wurden, gerade mit Blick auf die Zäune, Informations-Defizite aus Ihrem Haus deutlich.

 

Die Situation der Schäfer ist schon seit vielen Jahren prekär, was wiederum nichts mit der Rückkehr des Wolfes zu tun hat. Das liegt vermutlich daran, dass die Schäfer innerhalb des Bauernverbandes nicht in der allerersten Reihe stehen. Dabei brauchen wir die gute Arbeit der Schäfer. Deswegen gibt es bei uns im Haus schon lange eine ‚Arbeitsgemeinschaft Schaf‘, die sich damit beschäftigt, wie Schäfer unterstützt werden können. Das eine sind die Zäune, aber damit werden ja die Arbeitsbedingungen für Schäfer nicht besser. Wir reden nicht nur, sondern handeln. Ab 1. Januar 2019 kommt deshalb unsere sogenannte „SchaZie“-Prämie, als die Schaf-Ziegen-Prämie.

 

 

Was verbirgt sich dahinter?

 

Wir fördern jeden Schäfer mit 25 Euro pro Mutterschaf, weil wir die Tiere hier brauchen und die Mittel, die fließen, zu gering sind. Das ist ein systematisches Problem. Es gibt nur noch 800 Schäfer bundesweit. Die Zahlen haben sich in den vergangenen 15 Jahren halbiert. Eigentlich befassen wir uns hier mit einer Aufgabe des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das den Schäfern helfen müsste.

 

 

Um wie viel Geld geht es?

 

Eine Million Euro, die im Haushalt des Umweltministeriums fest verankert sind.

 

 

Aber die Schäfer haben auch in der Thüringer Landwirtschaftslobby keinen guten Stand?

Das müssen andere beantworten. Mir jedenfalls sind die Schäfer wichtig, deshalb auch unsere Unterstützung. Zum Beispiel habe ich gerade 4,2 Millionen Euro für den Südharz beim Bund eingeworben. Das Geld geht komplett an den Landschaftspflegeverband dort und der kauft damit was? Schafe und unterstützt so die Schäfer. Schafe sind die besten Landschaftspfleger auf vier Beinen. Das Wort Heimat ist ja in aller Munde. Die einen reden von Heimat und das war’s. Wir handeln. Das Postkarten-Idyll einer schönen Landschaft mit Schaf ist harte Arbeit. Ich habe Riesenrespekt vor dem Berufsstand.

 

 

Heimat ist ein gutes Stichwort. Haben Sie eine Agenda über das Jahr 2019, in dem Landtagswahlen sind, hinaus?

 

Regieren ist eine unheimlich spannende Sache und ich würde gern über 2019 hinaus weiter Verantwortung tragen. Nicht nur, weil wir den Naturschutz aus dem Dornröschenschlaf geweckt und geradezu mit unseren Natura2000-Stationen wachgeküsst haben. Jetzt kommt noch die Novelle des Landesnaturschutzgesetzes. Mir macht das Gestalten und Ringen um die beste Lösung in meinen Verantwortungsbereichen Umwelt und Klima und Energie unheimlich Freude. Hier gibt es noch viel zu tun. Für den Haushalt 2020 und darüber hinaus will ich vor allem Kinder, Klima und Kommunen in den Blick nehmen. das stärkt die Zukunft Thüringens.

 

 

Konkret?

 

Wir sind mitten drin im Klimawandel. Auf meiner Reise entlang des Grünen Bandes bin ich über Steppenrasen gelaufen, den es sonst in dieser Form nur in Afrika gibt. Die Landwirte haben massive Ernteverluste, die Hitze macht den Tieren zu schaffen. Gleichzeitig meldet unsere Klimaagentur, dass Unwetter, Starkregenereignisse und Gewitter immer weiter zunehmen. Es geht jetzt darum, sich zu rüsten. Wir werden trockenere Sommer haben und feuchtere Frühjahre und Herbste. Dafür haben wir unser Klimagesetz und Programme. Die werden gut angenommen – wir haben also viel angeschoben und wollen Kurs halten.

 

 

Ihre Agenda bis zum Ende der Legislaturperiode?

 

Alle Gesetze, die im Koalitionsvertrag stehen und die ich anpacken wollte, sind auf dem Weg. Das Letzte, die Landesnaturschutznovelle, ist am 6. August zur ersten Lesung im Kabinett. Es läuft.

 

 

Eine Parteifreundin, Frau Göring-Eckardt, sagt über Sie und die Grünen in Thüringen: „Unser Pfund heißt Siegesmund“.

 

(lacht) Na dann.

 

 

Sie werden also Spitzenkandidatin Ihrer Partei für die Landtagswahlen 2019?

 

Wenn meine Partei das möchte.

 

 

Sie kandidieren?

 

Ich werde kandidieren.