Wenn Jugendliche über Nachhaltigkeit reden, wird es ganz schnell konkret: Da geht es um den Einwegbecher für den Kaffee, den Plastikstrudel im Meer oder die Plastikfunde von der letzten Flussfege, da geht es um schmelzende Gletscher und das beobachtbare Insektensterben. Es geht darum, was eben alles nicht nachhaltig ist in unserem täglichen Tun. Es geht darum, dass sich Jugendliche auch mal trauen, allzu leichtfertige Gewohnheiten anderer Generationen in Frage zu stellen unter der Überschrift: Muss das sein?

Gut so! Aber: Das Wort Nachhaltigkeit selbst spielt dabei keine große Rolle. Dafür das Gestalten des eigenen Lebensumfelds, des unmittelbaren Aktionsradius in der Schule, beim Verein oder in der Ausbildungsstätte. Dass das Wort Nachhaltigkeit nicht mehr so oft genannt wird, hat einen Grund. Es ist ein echtes Plastikwort geworden, in das Unternehmen gern alles an greenwashing-Projekten rein stecken, was die ansonsten umweltschädliche Produktion beispielsweise von fossilem Kraftstoff oder Mikroplastik-haltigen-Produkten veredeln kann. Das fällt auf. Das Wort ist so elastisch geworden, dass man es lieber links liegen lässt. Aber wäre das nicht das Kapitulieren vor dem Aushöhlen einer wichtigen, jahrhundertealten Bewegung?

Es gibt gute Gründe, sich um den Begriff herum zu drücken. Bis ich vor einigen Jahren Ulrich Grober kennenlernte, ging es mir genauso. Er ist Autor und Kulturhistoriker und hat als solcher ein kleines, aber feines Buch zum Thema geschrieben: „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit.“ Darin finden sich so klare Sätze wie: „Den ökologischen Fußabdruck reduzieren bedeutet also, unsere Lebensweise und die Wirtschaftskreisläufe neu mit den Naturzusammenhängen zu synchronisieren […]. Dazu gehört vor allem Mut zum Weniger.“ Grober skizziert die Anfänge des Begriffes weit vor Carl von Carlowitz und seiner Bedeutung im Forst als „nachhaltige Nutzung“ beim Holzanbau. Er macht klar deutlich: „Die ‚Sylvicultura Oeconomica‘ kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn – auf Geld lösen – ausgerichtete Denken seiner Zeit.“ Das galt vor 300 Jahren und leider, wenn ich an die Wildnisdebatten zum Beispiel am Possen denke, bis heute. Es gilt in unserem täglichen Tun. Und am Ende gibt Grober eben den versöhnlichen Ausblick: „Meine Prognose: Nachhaltigkeit wird der Hauptbegriff bleiben […]. Ohne ökologische Stabilität und sozialen Zusammenhalt wird auf dem Planeten nichts mehr von Dauer sein.“ Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen: Wenn wir das Ruder nicht herum reißen, bleibt für kommende Generationen nur der Kampf um Ressourcen und damit ist gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich.

Wir haben es in der Hand. Ich finde, wir tun gut daran, unseren Kindern und Jugendlichen genauer zuzuhören, wenn sie über soziale und ökologische Probleme sprechen, die ihnen auffallen und sie beschäftigen. Es sind ihre Lebensgrundlagen, die wir ihnen erhalten sollen. Sich gemeinsam für Klimaschutz, gegen Ressourcenverschwendung, für mehr Umweltschutz, gegen Kinderarmut und für Chancengerechtigkeit zu engagieren und zu lernen, ist sogar ein eigenständiges Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen. Die Rede ist vom Ziel „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

Den Rahmen gibt, abgeleitet von der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und dem Weltaktionsprogramm BNE, der Nationale Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung (NAP BNE). Er entstand im Ergebnis eines bundesweiten partizipativen Prozesses, mit dem BNE langfristig und strukturell in der deutschen Bildungslandschaft verankert werden soll. Da geht es um frühkindliche Bildung ebenso, wie den Weg über die Schule hin zur Berufsausbildung und Hochschulbildung. Dieser breite Rahmen zeigt, dass BNE eine Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts ist.

Aus der Idee, die Jugendlichen unkompliziert zu unterstützen, ist das Impulspapier „Bildung für nachhaltige Entwicklung in Thüringen“ entstanden. Bei Besuchen in Bildungseinrichtungen, Gesprächen mit Jugendumweltorganisationen, workshops und Begegnungen im Klimapavillon habe ich mich um-, vor allem aber zugehört und daraus dieses Impulspapier entwickelt. Es versteht sich in den 8 Punkten als Entscheider-Hilfe. Wenn Jugendliche eine Flussfege machen wollen, können sie jetzt schnell und unbürokratisch Hilfe über einen Jugendprojektfond anfragen. Wenn zum Beispiel Umweltschulen einen Lernort außerhalb der Schule für Nachhaltigkeit suchen, helfen wir mit unserem Siegel. Wenn Jugendliche sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) entscheiden, vermitteln wir und sichern die Plätze ab. Wenn Kommunen umstellen wollen auf nachhaltige Beschaffung, unterstützen wir. Jeder Impuls ein Baustein für mehr Nachhaltigkeit. Getragen wird das Ganze nicht nur vom Umweltministerium, sondern vom Nachhaltigkeitsbeirat, dem Nachhaltigkeitszentrum in Arnstadt und den Agenda-Engagierten in den Kommunen. Setzen wir noch mehr Bausteine zusammen! Konkret! Jetzt! Dann mag der Inhalt elastisch wachsen, die Grundmauern sind es nicht.