Erschienen in: Martin Debes, Thüringerin des Jahres 2014: Anja Siegesmund, TLZ vom 27. Dezember 2018.

Die Ministerin sitzt im Zug nach Berlin. Jetzt, endlich, hat sie ein paar Minuten Zeit. Am Handy, falls denn das Netz hält. Hinter Halle wird es ja immer löchrig.

Schnell also die Fragen gestellt. Wie es sich denn nach zwei Wochen anfühle, das Amt? „Eine großartige Aufgabe“, antwortet Anja Siegesmund. Dann macht sie eine Pause. „Sie ist schon herausfordernd.“ Noch eine Pause. „Sehr.“

Die Herausforderung begann an jenem als historisch beschriebenen Dezembertag. Damals, der erste linke Ministerpräsident Deutschlands namens Bodo Ramelow war gerade gewählt, stand sie im Plenarsaal des Thüringer Parlaments. Sie stand sehr gerade, so wie es ihre Art ist, und sagte „Ich schwöre es“.

Danach sprach sie: „So wahr mir Gott helfe!“. Sie sprach es sehr laut und sehr deutlich.

Mit diesem Moment amtierte Anja Siegesmund aus Jena als Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz. Mit 37. So jung war seit der Pastorin Christine Lieberknecht keine Frau mehr in ein Thüringer Kabinett gelangt. Und eine grüne Ministerin schon gar nicht.
Das halbierte Ministerium

Dazu noch ein paar Zahlen. Zehn Seiten sind dem Ministerium von den 106 Seiten des Koalitionsvertrags gewidmet. 150 Meter lang ist die Fassade des steinernen Kolosses, in dem das Umweltministerium sitzt. 850 Bedienstete werden demnächst hier und den angeschlossenen Behörden arbeiten.

Derzeit sind es sogar 1800. Doch im neuen Jahr gehen die Abteilungen für Landwirtschaft und Forsten hinüber in das neue Infrastrukturministerium, zusammen mit den meisten Landesämtern. Auch wenn dafür die Energieabteilung aus dem Wirtschaftsressort kommt: Das Ministerium wird, quantitativ betrachtet, schlicht halbiert.

„Das macht mir nichts aus“, sagt Siegesmund mit fröhlicher Stimme ins Telefon. Es gehe ihr um Qualität, „die neue Struktur ist gut“. Umweltschutz, Naturschutz, Energiewende, dies alles seien doch „die zentralen grünen Themen“.

Dass sie kurz vor dem Schluss der Koalitionsverhandlungen stundenlang gegen Linke und SPD um Felder, Wald und Wiesen kämpfte, erwähnt sie nicht – genauso wenig wie die vielfach bestätigte Tatsache, dass zuvor Ramelow den Bauern versprochen hatte, sie nicht den Grünen zuzuschlagen. Sie muss es auch nicht sagen. Es weiß sowieso jeder.

Außerdem, sie hat ja trotzdem einiges erreicht. Im Jahr 1977 wird Anja Kaschta in Gera geboren. Der Vater arbeitet als Schlosser, die Mutter als Feinmechanikerin. Systemnah ist die Familie nicht. Der Vater hat den Dienst an der Waffe verweigert.

Doch dieser Umstand kann das Mädchen Anja nicht mehr behindern. Als die Mauer fällt, ist sie 12. Nach dem Abitur studiert sie Politikwissenschaft, Psychologie und Germanistik in Jena, wo sie seither lebt. Zwei Semester absolviert sie im Ausland, im Süden der USA. Noch vor dem Abschluss kommt die erste Tochter.

Über ein Forschungsprojekt bei der Grünen-nahen Böll-Stiftung gerät sie zu der Partei und zur Thüringer Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt, die schon damals die Fraktion in Berlin anführt.

2002, im Jahr ihres Magisterabschlusses, wird Anja Kaschta Mitglied der Grünen. Ein Jahr später ist sie Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro von Katrin Göring-Eckardt, die schon damals die Fraktion im Bundestag führt. Zwei Jahre später wird sie zur Chefin der Jenaer Grünen gewählt und steht dem größten Kreisverband vor.

Und so schnell geht es weiter für die Frau, die nach der Heirat den Namen des Mannes annimmt und von nun an Anja Siegesmund heißt. 2009 steht sie dank ihrer Jenaer Verbindungen – und natürlich Göring-Eckardts Zutun – auf einem aussichtsreichen Platz auf der Liste für die Landtagswahl – und zieht tatsächlich in den Landtag ein. Als erste Amtshandlung macht sie der Spitzenkandidatin und ewigen Göring-Eckardt-Konkurrentin Astrid Rothe-Beinlich den Fraktionsvorsitz streitig und gewinnt.

Macht ist eine Kategorie, mit der Anja Siegesmund umgehen kann. Sie gehört wie ihre Mentorin aus dem Bundestag zum Realo-Flügel, also zu den Pragmatikern der Partei. Sie will regieren, nicht opponieren, so wie es die Parteilinke lieber tut. Und sie hat längst nicht so viele Probleme mit der CDU, wie sie im Wahlkampf tat.

Die ständigen Klagen über den „Filz“ der Regierungspartei, die extraharten Angriffe auf ihren Vorgänger im Umweltministerium, die Anzeige gegen die Ministerpräsidentin – dies alles kann sie auch heute noch wortreich und klug begründen. Eigentlich jedoch schätzt sie Christine Lieberknecht, die sie genauso duzt wie den neuen CDU-Chef Mike Mohring. Und eigentlich hätte sie gerne mit ihnen regiert. Auch darum sprach sie so laut von Gott im Landtag.

Aber es wurde eben, aus vielen und ziemlich verschiedenen Gründen, eine rot-rot-grüne Regierung, die erste ihrer Art. Wenn die Protestantin Siegesmund an den Sonntagen mit der Familie in die Kirche geht, gibt es nicht wenige, die zu ihr kommen und das Ja zu dieser Koalition beklagen. Ganz zu schweigen von all den Briefen, E-Mails, Anrufen…

Doch es ist jetzt entschieden. Sie ist Ministerin und auf dem Weg nach Berlin, zu ihrer ersten Sitzung im Bundesrat. Das zählt. Die Regierungen, an denen Grüne beteiligt sind, besitzen dort eine Mehrheit. „Da kann ich richtig was erreichen“, sagt sie.

Doch was sie daheim, in Thüringen, durchsetzen kann, wird sich noch zeigen. Kürzlich wollte eine Zeitung wissen, ob sie für Tempolimit auf Autobahnen im Wald sei. Irgendwie schon, antwortete die Ministerin, aber zuständig sei leider nur der Bund.

Und der Wald? Nun ja, sagte sie, dessen „Schutz stehe ganz oben“, da werde man viel tun. Dass aber für den Forst in erster Linie die Infrastrukturministerin von der Linken verantwortlich zeichnet, das sagte sie dann doch nicht.

Lieber erzählte sie davon, dass der neue Dienstwagen der Ministerin jetzt eine Nummer kleiner werde. Aus dem A 8 werde ein A 6. Oder so.

Noch muss sie eben richtig ankommen in ihrem Amt – so wie sie es vor fünf Jahren tat, als sie auf einmal, mit Anfang 30, die Fraktion einer Partei führte, die nach 15 Jahren erstmals wieder in den Landtag eingezogen war. Das, was sie einst am Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena in der Theorie studierte, hatte sie nun in die Praxis umzusetzen. „Das war schon krass“, sagt sie.
Die SMS beim Konzert

Zur Praxis gehören auch die drei Töchter, 13, acht und sechs Jahre alt. Die Frage, wie das nun funktionieren werde, mit einer 60-Stunden-Woche und der Familie, nervt sie hörbar. Für sie ist dies offenkundig eine Frage, die bevorzugt Müttern und nicht Vätern gestellt wird.

Dennoch antwortet sie. „Es wird schwierig“, sagt sie. Aber eben auch nicht schwieriger, als wenn eine Mutter im Schichtdienst arbeite oder ein Vater auf Montage müsse.

Wirklich? Kürzlich, sie saß im Weihnachtskonzert in der Jenaer Stadtkirche, während die eine Tochter geigte und die andere sang, da brummten wieder einmal die Mails und SMS aus ihrem Ministerium auf dem Handy wild herum. Sie hat sie natürlich sogleich gelesen.