Sarah Wiener schreibt darüber in „Bienenleben“, Maja Lunde in „Die Geschichte der Bienen“ und Volker Angres in „Das Verstummen der Natur“. Bücher über den Artenschwund in der Natur haben Konjunktur. Kaum eine Zeitschrift der Umweltverbände der letzten Jahre thematisierte das Insekten- und Artensterben nicht und trotzdem schlägt der alarmierende Bericht der Vereinten Nationen hohe Wellen. Zu Recht!

Tier- und Pflanzenarten kommen und gehen. Manche sterben aus, manche neue Arten entwickeln sich. Das ist seit Jahrhunderten auf dieser unserer einen Erde der Lauf der Dinge. Das war der normale Lauf der Evolution. Bis der Mensch kam.

Was ist jetzt also anders? Heute sind unsere Felder voll mit Chemie, um Erträge zu maximieren. Süßwasser-Flüsse wie die Werra werden zu Salz-Wasserstraßen. In Brasilien und den Tropen werden täglich hektarweise Regenwälder gerodet, anderswo werden Flächen zubetoniert, Vorgärten gepflastert. Unsere Flüsse und Meere sind voller Plastikmüll und die Mägen der darin lebenden Tiere auch. Und: Die Tiere und Pflanzen stehen zusätzlich unter einem nie da gewesenen Anpassungsdruck: dem Klimawandel.

DAS ist jetzt anders. Der Wucht dieser Veränderungen in Summe können Ökosysteme und viele Arten kaum begegnen. Evolution vollzieht sich nicht über Nacht. Die Folge: Bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten drohen in den nächsten Jahrzehnten von der Erde zu verschwinden. Zu diesem Schluss kommt der am Montag (6. Mai 2919) erstmals veröffentlichte Bericht des Weltbiodiversitätsrates. Ein verheerendes „Massenaussterben“ ohne vergleichbares Beispiel sei bereits im Gange. Das betrifft uns alle.

Robert Watson, der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) sagte wörtlich am Montag: „Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität.“ Übersetzt: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Und Watson weiter: Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend abwenden vom wirtschaftlichen Wachstum als zentralem Ziel, hin zu nachhaltigeren Systemen. Drei Viertel der Naturräume auf den Kontinenten seien vom Menschen bereits erheblich verändert. Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute.

„Alles hängt mit allem zusammen“ – diese vor 200 Jahren aufgestellte Erkenntnis des Universalgelehrten Alexander von Humboldt ist in der heutigen Diskussion aktueller denn je: In der siebenten Klasse jeder Schule wird die Nahrungspyramide als ökologisches Grundprinzip behandelt. In ihr bilden die Vielfalt und Menge an Pflanzen- und Insektenarten die Basis des Lebens.

Der Blick in unser Vogelhäuschen zu Hause machte das in den letzten Jahren immer deutlicher. Blaumeise, Sperling, dann wieder Blaumeise und Sperling. Das war’s.

Und wir müssten es eigentlich längst besser wissen. Ich erinnere an das 1962 von der amerikanischen Biologin veröffentlichte Buch: „Der stumme Frühling.“ Damals sorgte das Buch für einen Schock. Carson darin: „Die Macht der neuen Chemikalien ist groß. Sie töten jedes Insekt, die guten wie die schlechten, sie lassen den Gesang der Vögel verstummen und lähmen die munteren Sprünge der Fische in den Flüssen.“

Bis heute werden unsere Felder mit Insektiziden und Neonikotinoiden behandelt, als gäbe es kein Morgen mehr. Draußen fliegen etwa 40 Prozent weniger Feldvögel als zu Beginn der 1980er Jahre. Der vor Jahrzehnten schon vorhergesagte „stumme Frühling“ ist leider allzu oft bereits Realität geworden. Die Feldlerche – der Vogel des Jahres und früher eine Allerweltsart – war auf jedem Acker zu Hause. Ein Drittel der Feldlerchen ist in den vergangenen 25 Jahren verschwunden. Der Rückgang der Vogelbestände ist ein Zeichen dafür, dass Wiesen und Felder veröden. Den Tieren fehlt es an Brutplätzen und an Nahrung wie Insekten und Wildkräutern.

Zum Beschreiben des Hier und Heute gehört auch, dass im Vergleich zu einem Unternehmen, was schlimmstenfalls pleite geht und schnell mit Staatshilfen gerettet werden kann, die Natur ihre Zeit zur Erneuerung braucht. Anders gesagt: Was weg gespritzt wurde, kann kein Insolvenzverwalter wieder ordnen.

In einem weltweit wohl einzigartigen Versuch, dem so genannten Jena-Experiment, wurden über 15 Jahre lang insgesamt 80.000 Messungen einer interdisziplinär und international aufgestellten Arbeitsgruppe durchgeführt. Auf mehr als 500 Versuchsparzellen hatten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlich viele Pflanzenarten angesät, von Monokulturen bis zu Mischungen aus 60 Arten. Sie konnten zeigen, dass die negativen Effekte des derzeitigen Artenverlustes im Ökosystem erst nach einigen Jahren sichtbar werden. Die Natur braucht ihre Zeit.

Uns braucht die Natur übrigens nicht, aber wir sie.

Aber hier geht es um mehr als um schnelllebige Wirtschaftsdaten: Insekten erbringen elementare Ökosystemleistungen. Sie dienen als Nahrungsgrundlage für andere Insekten sowie für kleine Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Fische und Vögel. Im Boden sorgen Insekten für den Abbau organischer Masse. Sie bewahren das ökologische Gleichgewicht durch die biologische Kontrolle von Schadorganismen, die Gewässerreinigung oder die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit.

Vor allem aber – und das wird gerade jetzt im Mai wieder deutlich hör- und sichtbar – bestäuben Insekten Blütenpflanzen. Die allein in Deutschland vorkommenden 560 Wildbienenarten haben z. B. als Bestäuber eine hohe Bedeutung. Sie sind durch arttypische Spezialisierungen und Anpassungen oftmals effektivere Bestäuber als Honigbienen. Mehr als die Hälfte der Wildbienenarten sind jedoch gefährdet und stehen auf den Roten Listen.  

Der Rückgang der Insekten hat damit nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte lebende Umwelt, sondern auch auf uns Menschen. Weniger Insekten würden daher neben dem erheblichen Verlust von biologischer Vielfalt auch große ökonomische Risiken hinsichtlich der Ernteerträge und der Qualität unserer Nutzpflanzen mit sich bringen.

Wissenschaftler*innen schätzen den wirtschaftlichen Nutzen von Insekten für die Landwirtschaft durch das Bestäuben von angebauten Pflanzen weltweit auf rund 150 Milliarden Euro pro Jahr. Sterben die Tiere aus, kann das also dramatische Folgen haben. Das zeigt, dass wir unsere Anstrengungen zum Schutz der biologischen Vielfalt auch in Thüringen noch deutlich verstärken müssen. Damit Tier- und Pflanzenarten und auch wir Menschen überleben können, sind der Erhalt sowie der noch wirkungsvollere Schutz vielfältiger Lebensräume in der Thüringer Landschaft dringend notwendig.

Circa die Hälfte der Landesfläche Thüringens wird von Landwirten für die Produktion von Lebens- und Futtermitteln und Energiepflanzen genutzt. Daher steht insbesondere die durch hochintensive Produktionsmethoden geprägte Landwirtschaft im Fokus. Die großflächigen Feldflächen lassen keinen Platz für Lebensräume wie Feldraine, blühende Wegränder, kleine ungenutzte Brachen, Hecken oder Säume an Gräben. Und die systematische Anwendung von Herbiziden hat zum fast vollständigen Aussterben von Ackerwildkräutern geführt.

Um auf den wissenschaftlichen Bericht des Weltbiodiversitätsrates zurückzukommen: Gravierende Folgen für uns Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich, warnen sie. Noch sei es aber nicht zu spät für Gegenmaßnahmen. Diese müssen aber sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen beginnen. Es bedarf „fundamentaler Veränderungen bei Technologien, Wirtschaft und Gesellschaft, Paradigmen, Ziele und Werte eingeschlossen“.

Wenn wir uns eines noch mal klar machen, gibt es auch kein langes Vertun mehr beim handeln: Die Biodiversität ist unser gemeinsames Welterbe und das wichtigste Sicherheitsnetz für das Überleben und die Lebensqualität der Menschheit.

Dem stellen wir uns auch in Thüringen. Hier ein paar Beispiele:

Die Artenvielfalt zu erhalten heißt etwa, etwas für nutzungsfreie Wälder zu tun: Thüringens Wälder bieten schon jetzt enorme Potenziale, Teil der zukünftigen Waldwildnis in Deutschland zu sein. So entstehen aktuell in der Hohen Schrecke große zusammenhängende Waldwildnisflächen von über 2.000 ha. Die hier wachsenden Buchenbestände zählen schon heute zu den ältesten in Deutschland und sind Teil der nur noch kleinflächig vorhandenen echten „Urwälder“. Auch innerhalb der Kernzone des Nationalparks Hainich gibt es solche alten Wälder.

Es ist ein Projekt, das eng verknüpft ist mit einem anderen Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag: 5% Waldwildnis. 5% Wald, in dem von nun an die Säge ruht. Auch das haben wir geschafft – gemeinsam. Die Besucherinnen und Besucher der Thüringer Urwaldperlen werden in Zukunft eine Ahnung davon bekommen, welchen Schatz wir durch diese Orte erhalten und gewinnen, nicht zuletzt für die Artenvielfalt.

Naturschätze zu erkennen, zu erhalten und zu fördern –  dafür hat die Europäische Union das Natura 2000 Schutzgebietsnetz entwickelt. Meine Antwort auf die Versäumnisse der letzten Jahre: unsere bundesweit einzigartigen Natura-2000-Stationen.  Seit 2016 haben wir 12 Natura 2000-Stationen und ein dazugehöriges Kompetenzzentrum geschaffen. 56 hauptamtliche Unterstützer*innen für die Umsetzung der Managementpläne sind dadurch zusätzlich in ganz Thüringen aktiv. Insgesamt wurden in der aktuellen Legislaturperiode 4,77 Mio. € aus dem Landeshaushalt in den Aufbau und den Betrieb des Netzwerks der Natura-2000-Stationen investiert.

Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass das so gut gestartete Netzwerk der Natura 2000-Stationen auf Dauer für die Natura 2000-Gebiete und die Natura 2000-Schutzgüter wirken kann. Im neuen Thüringer Naturschutzgesetz werden die Natura 2000-Stationen und das Kompetenzzentrum Natura 2000-Stationen, das dann als Koordinierungszentrum weiterbestehen soll, rechtlich fest in der Thüringer Naturschutzlandschaft verankert.

Und mit dem gerade novellierten Wassergesetz schützen wir an 10 Meter Uferrandstreifen, die künftig düngemittelfrei sein müssen, tausende Insekten.

Mehr denn je ist aber auch die Landwirtschaft gefordert. Sie muss jetzt „liefern“. Die gemeinsame Agrarpolitik ab 2020 ist die entscheidende Stellschraube, mit der wir den Artenschwund zumindest aufhalten können. Wir brauchen den Systemwechsel hin zu: 1. Klasse statt Masse 2. Öffentliches Geld für öffentliche Güter. Das heißt mehr Geld für naturverträgliches Wirtschaften. 3. Weniger Chemie, mehr Hecken und Wildpflanzen, kleinere Felder, weniger Dünger. 4. Natura 2000-Landwirte

Eine grundlegende Wende in der Landnutzung ist nötig und wird von Vielen gefordert! Wir leben im Anthropozän – dem Zeitalter, in dem das Leben auf der Erde maßgeblich vom Menschen beeinflusst wird. Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens – dazu zählen aber nicht nur Artenvielfalt, sondern auch genetische Vielfalt, Vielfalt an Funktionen, Interaktionen und Ökosystemen.

Alles hängt mit allem zusammen. Humboldt’s Satz ist aktueller denn je. Also legen wir los. In den Kommunen, im Land und Europa.